Schreibblockade II

„Hallo, liebe Frau Cremer“, spricht eine leise Stimme auf meinen Anrufbeantworter. „Sie müssen mir helfen! Ich komme mit meiner Biografie nicht weiter.“ Ich bin ein wenig verwundert, das zu hören, denn die Dame am Telefon, eine meiner Kundinnen, schreibt seit einiger Zeit an ihrer Lebensgeschichte und hatte bisher keinerlei Probleme. Unser Arrangement ist einfach: Sie schickt mir in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen ihre handschriftlichen Seiten zu, ich tippe sie ab, glätte die Sprache ein wenig und stelle sicher, dass ihre Geschichte konsistent ist. Vor zwei Wochen lag noch ein Kapitel in meinem Briefkasten. Was ist nun geschehen?

Als ich Frau Weber (so nenne ich die Dame einmal) am Nachmittag zurückrufe, erzählt sie mir traurig: „Alle Kapitel in meinem Leben sind mir aus der Feder geflossen. Selbst über die schlimmsten Kriegserlebnisse habe ich ohne viele Tränen berichten können, doch über den Tod meines Mannes vor fünf Jahren kann ich einfach nicht schreiben. Immer wieder lege ich den Stift zur Seite. Es ist einfach furchtbar!“ Wir sprechen eine Weile über ihre Sorgen und was in ihr vor sich geht, dann frage ich sie vorsichtig: „Denken Sie, Sie könnten mir die Geschichte erzählen und ich schreibe sie auf?“ Kurze Stille am Ende der Leitung. Dann: „Es wäre einen Versuch wert.“ Wir vereinbaren ein Treffen für den nächsten Donnerstag.

Als mir Frau Weber die Tür öffnet, begrüßt sie mich fröhlich, doch ich spüre, dass sie nervös ist, und ich kann sie verstehen. Es ist schwer, von den Dingen reden zu müssen, die einen am tiefsten bewegen und deren Erinnerung so schmerzhaft ist. Ohne viele Worte führt sie mich in ihr Wohnzimmer, und während ich mein kleines Aufnahmegerät auf dem Tisch aufbaue, beobachtet sie mich aufmerksam. Sie wartet. Sie will anfangen. Schließlich schalte ich das Gerät ein und Frau Weber beginnt zu erzählen. Wie sie ihren Mann kennenlernte, von ihren ersten Ehejahren, ihrem gemeinsamen Glück und auch von seinen letzten Tagen auf dieser Erde. Ich bin erstaunt, wie konzentriert und geradlinig sie berichtet, und merke, sie will Tränen vermeiden. Am Ende ihrer Erzählung sinkt sie schließlich in ihren Stuhl zurück. Sie wirkt erschöpft und erleichtert zugleich. Ich schalte das Aufnahmegerät aus.

Zu Hause tippe ich das Interview ab und schicke Frau Weber den Text zu, denn sie will versuchen, das „Rohmaterial“ selbst zu bearbeiten. Zwei Wochen lang höre ich nichts von ihr, dann liegt das Kapitel in meinem Briefkasten, fertig zum Redigieren. „Ich hatte auf einmal Distanz zu den Erlebnissen“, schreibt sie glücklich. „Ich konnte mich ganz aufs Überarbeiten konzentrieren.“

Aber nicht immer klappt es auf diese Weise. Manche Erinnerungen sind so schmerzhaft und überwältigend, dass sie eine Weile länger verschlossen bleiben müssen oder dass die Schreiberin nur Stückchen für Stückchen weiterkommt. Manch eine scheut sich auch davor, ihre Geschichte einem anderen Menschen zu erzählen. Was dann?

Eine Möglichkeit, Distanz zum Erlebten zu finden, besteht darin, es einfach in der dritten Person zu erzählen. Statt: „Ich saß allein in der Küche, als plötzlich das Licht ausging. Normalerweise hatte ich keine Angst im Dunkeln, aber…“, schreibe ich: „Erika saß allein in der Küche, als plötzlich das Licht ausging. Normalerweise hatte sie keine Angst im Dunkeln, aber…“ Vielleicht hilft dieser Wechsel der Erzählperspektive. Später kann man die Geschichte immer noch in die Ich-Form umwandeln.

Eine andere Möglichkeit ist, sich nicht direkt mit dem belastenden Erlebnis zu befassen, sondern sich Luft über das eigentliche Problem zu verschaffen. Anstatt den Abend zu beschreiben, als die große Schwester mir auf dem Schützenfest den Freund ausspannte und die einzelnen Demütigungen noch einmal Schritt für Schritt zu durchleben, kann ich mich erst einmal von meiner Wut und Enttäuschung befreien, indem ich einen fiktiven Brief an die Übeltäterin schreibe. Das reinigt innerlich und macht den Kopf und das Herz frei.

Natürlich könnte man fragen: „Warum all diese Tricks? Kann ich nicht einfach die Enttäuschungen weglassen, den Schmerz vermeiden und zum nächsten Kapitel übergehen?“ Nun, vielleicht kann man das. Doch verliere ich damit nicht gerade die Momente in meinem Leben, die mich besonders geprägt haben? Nehme ich mir nicht auch die Chance, sie zu verstehen und zu verarbeiten? Ich finde, jede Schreibende sollte sich ihren Erinnerungen und Ängsten stellen, so weit es ihr möglich ist. Ein Kapitel in der Biografie auszulassen, ist die letzte Rückzugsmöglichkeit.

Herzlichst, Claudia Cremer

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