Drehbuchaufstellung

Ich wusste nicht wirklich, worauf ich mich da einließ, als ich meiner Freundin Karin zusagte, an einer ihrer Drehbuchaufstellungen teilzunehmen. Von ihrer Arbeit hatte sie mir zwar schon oft erzählt, aber für mich hatte das Ganze immer einen Hauch von „Psycho“ und ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie so etwas funktionierte. Neugierig war ich aber trotzdem, und so machte ich mich an einem sonnigen Mittwoch auf zur ifs, der “internationalen filmschule köln”.

Die Drehbuchaufstellung fand ganz oben im Gebäude, im Kuppelsaal, statt, in dem sich einige Studierende der Filmschule und Interessierte wie ich einfanden. Karin erklärte uns zunächst das Konzept der Aufstellung und beantwortete geduldig alle Fragen. Als wir uns dann genügend informiert fühlten, ging es los. Gleich meldete sich eine Studentin, die ihr Drehbuchkonzept auf den Prüfstand stellen wollte. Karin interviewte die junge Frau über ihre „Story“ und über die Figuren, und wir anderen hörten aufmerksam zu. Es ging um einen liebevollen Familienvater, seine beiden Töchter, ein verstorbenes Kind, seine verstörte Ehefrau und eine neue junge Frau in seinem Leben. Karin forderte die Studentin schließlich auf, ihre Hauptfigur im Raum zu platzieren, und wir beobachteten den Mann, wie er sich einen Schritt fortbewegte, dann wieder zurückkehrte, nur um gleich wieder einen Schritt nach vorn zu machen. Es ging eine ganze Weile so. Der Vater wirkte unsicher, irgendwie aus dem Gleichgewicht gebracht.

Dann stellte die Studentin die anderen Figuren hinzu. Zunächst mich, die neunjährige Tochter. Als sie mich direkt neben den Mann platzierte, bekam ich sofort Herzklopfen, denn die Nähe zu diesem mir fremden Menschen war für mich sehr ungewohnt. Was sollte ich tun? Eine Weile stand ich reglos an seiner Seite und versuchte zu ergründen, was ich für diesen Menschen, meinen Vater, empfand und ich weiß auch nicht, wie es kam, aber auf einmal hielt ich seine Hand. „Wie fühlst du dich?“, fragte Karin mich, und ich antwortete ehrlich, so wie ich es empfand: „Ich fühle mich geborgen und möchte nicht mehr von seiner Seite weichen.“ In diesem Moment war für mich tatsächlich klar, dass mich nichts von meinem Vater trennen konnte.

Doch es ging weiter. Die Mutter wurde dazu gestellt, die kleine Schwester, dann die heimliche neue Frau im Leben des Vaters, und mit jeder neuen Person wandelten sich die Beziehungen zueinander. Die Figuren nahmen immer wieder neue Plätze ein und schafften damit Distanz oder Nähe, Zugehörigkeit oder Einsamkeit. Am Ende dieser Drehbuchaufstellung stand ich, das neunjährige Mädchen, nicht mehr Hand in Hand mit meinem Vater im Raum (er hatte sich längst an die neue Frau verloren), sondern bei meiner Mutter und meiner kleinen Schwester. Es war faszinierend!

Die Studentin, deren Story auf Herz und Nieren geprüft worden war, konnte während der Aufstellung als Beobachterin allen Bewegungen ihrer Figuren folgen, alle Äußerungen registrieren. Es muss ein tolles Gefühl für sie gewesen sein, die Personen, die bislang nur in ihrem Kopf oder auf dem Papier existiert haben, nun deutlich vor sich zu sehen.

Nach drei weiteren Drehbuchaufstellungen war die Sitzung beendet, alle Teilnehmer ziemlich geschafft, aber auch total glücklich. Für mich war es eine völlig neue Erfahrung, sehr aufwühlend und sehr bereichernd, und eins weiß ich genau: Sollte ich jemals einen Roman oder ein Drehbuch oder einen Krimi oder sonst etwas schreiben – ich würde dazu immer eine Aufstellung machen. Absolut!

Herzlichst Claudia Cremer

P. S. Wer Karin Pilot für eine Drehbuchaufstellung buchen möchte, kann dies gerne tun: http://www.bulletproof-scripts.com/drehbuch/

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5 Antworten auf Drehbuchaufstellung

  1. Uwe sagt:

    Hm. Irgendwie verstehe ich den Sinn der Aufstellung nicht ganz. Da spielt ihr also in einer Art Mini-Theateraufführung das Drehbuch nach und fragt euch, wie ihr euch dabei fühlt. Inwiefern stellt das denn das Drehbuch auf den Prüfstand? Ich kann mir das nicht vorstellen.

    • ccremer sagt:

      Lass es mich so erklären: Die Drehbuchaufstellung zeigt unentdeckte Dynamiken zwischen den Figuren einer Geschichte.

      Die junge Drehbuchautorin hatte sich zum Beispiel ausgedacht, dass der Vater die Familie gleich am Anfang im Stich lässt. Ich, die Darstellerin der neunjährigen Tochter, stehe aber Hand in Hand mit ihm im Raum und an seiner anderen Seite meine Schwester. Bei so viel Nähe und Vertrauen kann der Mann (den wir als liebevollen Vater vorgestellt bekommen haben) seine Familie unmöglich verlassen. Und tatsächlich sagt der Darsteller des Vaters irgendwann: “Es zerreißt mich innerlich. Es zieht mich zu der jungen Frau hin, aber ich halte hier meine beiden Töchter in den Händen. Ich kann keinen Schritt tun.” Erst als die Distanz zur Ehefrau größer wird, meine Schwester sich dadurch von ihm abwendet und die junge Frau immer näher kommt, lässt er meine Hand los.

      Die Drehbuchautorin kann nun diese veränderte Story akzeptieren. Wenn nicht, dann sollte sie die Ausgangssituation des Vaters überdenken und die Figur eventuell verändern. Der Vater müsste schon zu Beginn der Geschichte eine sehr starke Motivation haben, seine Familie zu verlassen. Eine gewisse Distanz zu den Kindern müsste da sein. Wahrscheinlich hätte ich als Tochter dann gar nicht seine Hand genommen oder er hätte sie gleich losgelassen. Das könnte man in der Aufstellung wunderbar ausprobieren.

      Durch die Drehbuchaufstellung wird also die Plausibilität der Story überprüft und die Figuren bekommen eine ungeheure Tiefe. Die Motive für ihr Handeln werden deutlich.

      • ccremer sagt:

        Noch zur Information: Die Drehbuchidee der jungen Studentin war anders, als ich sie hier dargestellt habe. Viel komplexer, viel spannender, aber ich darf den Inhalt natürlich nicht verraten. Ich hoffe sehr, dass ihr Drehbuch irgendwann verfilmt wird. Es war sehr gut. Ja, überhaupt waren unter den Studierenden der ifs clevere und echt kreative Leute.

  2. Katja sagt:

    Sehr interessant! Ich wusste nicht, dass es diese Methode auch für solche Zwecke gibt.
    In den letzten Monaten bin ich in Gesprächen immer wieder auf das Stellen – Familienstellen – gestoßen, es ist faszinierend und trotz aller Beschreibungen für jemanden, der es nicht selbst ausprobiert hat, kaum nachvollziehbar. Irgendwann mache ich das auch mal!

    • ccremer sagt:

      Du hast recht, Katja, das muss man selbst ausprobieren. Am besten erst einmal als Vertreter, das heißt, nicht deine eigene Familiengeschichte wird aufgestellt, sondern du repräsentierst ein Familienmitglied bei der Aufstellung der Geschichte eines anderen Teilnehmers des Seminars.

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