Mach den Anfang!

Quizfrage: Was haben die folgenden vier kurzen Textausschnitte gemeinsam?

1. „Manchmal denke ich mir Gemeinheiten aus. Ich könnte die Trockenhaube so heiß stellen, dass sie Brandblasen auf den Ohren bekommen, oder eine Mixtur anrühren, von der garantiert die Haare ausfallen.“ 2. „Da sind Hände. Hände unter meinen Achseln, die mich zerren, später Hände, die mir die verkrusteten Kleider vom Leib streifen.“ 3. “Irgendetwas ist schief gegangen.” 4. „Ich müsste glücklich sein. Glaube ich jedenfalls.“

Antwort: Sie stammen alle aus der Biografie „Die Schleife an Stalins Bart“ von Erika Riemann (München: Piper, 2005) und sind die Anfänge von verschiedenen Kapiteln dieses beeindruckenden Buches. Und damit wären wir auch schon beim Thema des heutigen Blog-Artikels: Nichts ist beim Schreiben so wichtig wie ein guter Anfang.

Die allerersten Worte eines Buches, der erste Abschnitt muss sitzen, denn sie entscheiden darüber, ob der Leser sich auf die Geschichte einlassen wird. Als Autorin muss ich also gleich am Anfang Spannung erzeugen, Neugierde wecken und zum Umblättern verführen. Und das ist nicht alles. Jedes weitere Kapitel sollte den Leser ebenso fesseln und ihn tiefer in die Geschichte hineinziehen. Nicht leicht, aber natürlich nicht unmöglich ;-) !

Erika Riemann beherrscht die Kunst des guten Anfangs perfekt. Sie variiert in jedem Kapitel und nutzt die vielen Möglichkeiten, die einer Autorin zur Verfügung stehen. Nun, welche sind das? Ich stelle einmal vier davon vor, ohne sie groß zu erklären, denn ich denke, die Beispiele aus Riemanns Biografie sprechen für sich.

1) Direkt mit der Handlung einsteigen: „Wieder einmal verlangsamt der Zug sein Tempo und kommt schließlich kreischend zum Stehen. Der Posten hält sein Gewehr fest umklammert, ungewohnte Geräusche dringen von außen in unsere Lethargie. Wir haben irgendein Ziel erreicht. Luken werden donnernd aufgerissen. Das Donnern nähert sich schnell unserem Waggon. Bald kann man einzelne Stimmen aus der Vielzahl der gebrüllten Befehle unterscheiden.“

2) Den Ort, die Atmosphäre beschreiben: „Im Sonnenlicht und nach dem düsteren Gebäude in Bautzen wirken die niedrigen Baracken beinahe idyllisch. Wir beziehen Baracke 39. Klos und eine Reihe Waschbecken teilen den lang gestreckten Bau in zwei Hälften. Mein Blick wandert über Doppelstockpritschen an den Wänden, auf denen sogar Strohsäcke liegen.“

3) Mit direkter Rede bzw. einem Dialog anfangen: „’Mama! Mama!’ Die verzweifelte Stimme eines Jungen dringt durchs Fenster bis in unsere Zelle. Innerhalb von Sekunden drängeln sich alle um die kleine Öffnung zum Hof. Hildes Ellbogen bohrt sich in meine Rippen. Sie schubst, wie es sonst nicht ihre Art ist. Aber der da ruft, ist ihr Sohn. ‘Junge, hier, hier bin ich.’“

4) Gedanken beschreiben: „Ich müsste glücklich sein. Glaube ich jedenfalls. Ich bin zu Hause, ich habe überlebt. Ich sehe wieder, meine Beine nehmen allmählich die alte Form an. Meine Familie liest mir die Wünsche von den Augen ab. Vor kurzem ist Helmut gekommen, mein Verlobter. Oder ich müsste wenigstens zufrieden sein. Aber so aufmerksam ich auch in mein Inneres lausche, so angestrengt ich auch suche nach irgendeinem Gefühl, ich finde keines.“

Du siehst, jeder Anfang hat seine ganz eigene Wirkung. Der eine ist dramatisch, der andere sorgt für Orientierung oder er stimmt nachdenklich, aber alle haben eins gemeinsam: Sie machen neugierig auf mehr.

Also: Überprüfe deine Anfänge! Herzlichst Claudia Cremer

Dieser Beitrag wurde unter Autobiografisches Schreiben veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>