Luther, Mozart, Sissi, Tolstoi, Romy Schneider, Coco Chanel… Ja, die Liste der berühmten Persönlichkeiten, deren Leben verfilmt wurde, ist lang und wird sicherlich von Jahr zu Jahr länger werden, denn der Name eines „Promis“ garantiert eben volle Kinokassen. Wenn dann noch die Hauptrolle mit einem der höchst bezahlten Schauspieler oder dem Shootingstar unter den Schauspielerinnen besetzt wird, hagelt es Filmpreise. Und dennoch – wenn ich mir solch einen aufwendig produzierten Streifen anschaue (was ich zugegebenermaßen gelegentlich tue), bleibt am Ende immer ein fader Beigeschmack. Trotz Dreharbeiten an Originalschauplätzen, trotz authentischer Kostüme und Requisiten traue ich der dargebotenen Geschichte nicht, und selbst Julia Jentsch, die mich als Sophie Scholl in ihren Bann zieht, wirkt letztlich nicht „echt“. Wie anders ist da Werner Herzogs Dokumentation über den deutsch-amerikanischen Kampfpiloten Dieter Dengler.
Am Anfang von “Little Dieter needs to fly” sehen wir Dieter in seinem Auto über einen Highway fahren. Er scheint ein Mensch wie jeder andere zu sein, wirkt unauffällig, völlig „normal“. Dabei hat er Unglaubliches erlebt. 1966 wurde er mit seinem Flugzeug über Laos abgeschossen und geriet in Kriegsgefangenschaft. Weil er sich strikt weigerte, ein Dokument gegen die amerikanische Aggression in Vietnam zu unterschreiben, wurde er gequält und gefoltert. Mit seinen Mitgefangenen gelang ihm schließlich die Flucht, doch nur er überlebte den strapaziösen Marsch durch den Dschungel und konnte gerettet werden. Für seine Kameraden ist der Zurückgekehrte ein gefeierter Held, vom amerikanischen Staat wurde er mit militärischen Ehren ausgezeichnet.
Vor allem aber ist Dieter Dengler (bei den Dreharbeiten sechzig Jahre alt) ein faszinierender Mensch. Werner Herzog besucht den Kriegsveteranen zunächst in seinem Haus. Geschlossene Türen gibt es nicht, denn für Dieter, der über Wochen eingesperrt war, bedeutet auch heute noch jede offene Tür Freiheit. In der Küche in einem Schrank unter Holzbohlen hortet er pfundweise Reis, Mehl, Honig und Zucker – die Überlebensration eines Mannes, der in seiner Gefangenschaft auf 42 Kilo abgemagert war. „Sleeps better to know it’s there!“, erklärt er uns.
Dann fliegt Herzog mit Dieter Dengler nach Laos, an den Ort des Schreckens zurück, und lässt ihn rekapitulieren, was damals geschah. Aufgeregt, fast atemlos und mit viel Gestik erzählt Dieter, wie er gefangengenommen wurde. Er zeigt an seinem Körper, wo die Wachmänner ihn verletzten, lässt sich noch einmal fesseln und ein Stück durch den Dschungel hetzen. Man sieht ihm an, dass die Erinnerung ihn sehr mitnimmt, aber er macht weiter mit den Worten: „Running like this might chase the demon away!“ Am Ende des Films besucht Dieter Dengler Colonel Eugene Deatrick, der uns berichtet, wie er Dieter von seinem Kampfflugzeug aus im Dschungel entdeckte und ihn rettete. Die tiefe Verbundenheit der beiden Kriegsveteranen, die sich jedes Jahr zu Thanksgiving treffen, ist sehr berührend.
Bis zum Ende lässt mich die Collage aus authentischem Filmmaterial, alten Fotos, Zeitzeugnissen aus Archiven und Dieter Denglers lebhaftem Bericht nicht los. Warum Werner Herzog die Geschichte noch einmal mit Christian Bale in der Hauptrolle verfilmt hat, ist mir ein Rätsel. „Rescue Dawn“ ist lediglich ein müder Abklatsch der gelungenen Dokumentation geworden.
Leider sind nicht alle Helden so fesselnde Erzähler wie Dieter Dengler. Leider können Luther, Sissi, Tolstoi oder Romy Schneider nicht mehr über ihr Leben berichten, aber ich frage mich trotzdem, ob eine gute Dokumentation mit Fotos, Zeitzeugnissen, Zeitzeugen (falls es welche gibt) und Informationen von Biografen nicht viel besser ist, als jede Verfilmung.
Herzlichst Claudia Cremer




Ich kann das nur unterstreichen. Little Dieter needs to fly ist unglaublich beeindruckend!
Danke für diesen Artikel Claudia, ich habe mir den Film aufgrund deines Artikels angesehen und er hat mir wirklich gut gefallen.