Eine autobiografische Geschichte

Letztes Wochenende war ich zum ersten Mal in meinem Leben in Kevelaer, dem berühmten Marienwallfahrtsort am Niederrhein. Schon seit meiner Kindheit war Kevelaer für mich ein Begriff, denn der Frauenverein meines Heimatdorfes pilgerte jedes Jahr dorthin. Ich erinnere mich genau daran, dass stets ein Raunen durch die Bankreihen der Frauen ging, wenn unser Pfarrer in der Kirche die Fahrt ankündigte. Kevelaer musste wahrlich ein besonderer Ort sein! Leider konnte ich meine Mutter nicht darüber ausfragen, denn sie nahm nie an den Touren teil. So blieb Kevelaer für mich lange ein Geheimnis.

Als ich zwölf Jahre alt war, kam mein Vater auf die Idee, in den Sommerferien nach Banneux zu fahren. Banneux war zwar nicht Kevelaer, aber Wallfahrtsort war Wallfahrtsort, und endlich, endlich, dachte ich mir, würde ich dem Pilgergeheimnis auf die Spur kommen. Allerdings konnte ich nicht ahnen, dass unsere Fahrt der schrecklichste Tagesauflug meines Lebens werden würde.

Der Legende nach war die Jungfrau Maria einem armen Bauernmädchen erschienen, dem sie den Auftrag gab, in Banneux eine Kapelle zu errichten und die Wasserquelle des Ortes zur Heilung der Kranken zu nutzen. Ich stellte mir den Erscheinungsort aus welchem Grunde auch immer sehr einsam vor, irgendwie verwunschen und märchenhaft. Doch bereits in dem Moment, als mein Vater unseren VW-Käfer auf den riesigen Parkplatz voll mit Reisebussen zusteuerte, wurde ich auf den Boden der Tatsachen geholt. Hier gab es keine Einsamkeit, sondern nur Massenabfertigung.

Enttäuscht und verunsichert stieg ich aus unserem Auto und schlich an der Hand meiner Mutter an den riesigen Ständen mit Devotionalien vorbei: Schneewürfel mit Maria, Bilder vom Gekreuzigten, Gipsfiguren vom guten Hirten und der Papst auf Tausend Kerzen und Tellern. Kitsch über Kitsch, aber für mich als Kind ein überwältigender Anblick! Mein Vater, sonst sparsam, kaufte zu meiner großen Freude an einem Stand eine völlig überteuerte Weihwasserflasche aus Plastik mit einem Bild von Maria, der Jungfrau der Armen, darauf. Dann bahnten wir uns einen Weg bis zur berühmten Quelle, an der ich voller Erfurcht für meine Großmutter zu Hause etwas von dem heiligen Wasser in die Flasche abfüllte.

Mit dem Wallfahrtsort wieder ein wenig mehr versöhnt, folgte ich meinen Eltern zur Kapelle. Das Bild, das sich mir nun bot, werde ich im Leben nicht vergessen. Auf dem Vorplatz hatten sich zahlreiche Menschen versammelt: Alte, Kranke, Kinder in Rollstühlen, geistig und körperlich Behinderte. Einige wurden in Krankenbetten herangefahren, andere humpelten auf ihren Krücken zu einem der wenigen freien Stühle. Noch nie in meinem Leben hatte ich so viele leidende, dahinsiechende Menschen auf einer Stelle gesehen. Es war erschütternd, und ich wollte nur noch eins – fort von diesem schrecklichen Ort! Als wir uns kurz darauf endlich auf den Weg nach Hause machten, war ich völlig erschöpft.

Später am Abend im Bett konnte ich nicht einschlafen. Die Bilder des Elends gingen mir ständig durch den Kopf. Irgendwann fing ich dann an zu beten, Jesus möge bloß verhindern, dass mir jemals die Muttergottes erscheinen würde. Ich wollte auf keinen Fall wie das elfjährige Bauernmädchen gezwungen sein, aus unserem Dorf ein zweites Banneux zu machen. Das Thema Wallfahrt war für mich endgütlig gestorben.

Als ich 33 Jahre später nun nach Kevelaer fuhr, hatte ich sofort einen dicken Kloß im Hals. Würde ich ähnlichen Schrecknissen wie in Banneux begegnen? Nun: Wallfahrtsort ist eben nicht gleich Wallfahrtsort. Kevelaer ist ein idyllisches Städtchen mit einer prächtigen Marienbasilika, vielen Kapellen, schönen Gassen und einem Marktplatz. Die Pilger schlenderten – jetzt so nah am Ende der Saison – ganz entspannt durch die Straßen, steckten im Vorbeigehen eine Kerze an und verschwanden in einem der Cafés. Und da hatte ich plötzlich eine Eingebung! Das Highlight für die Damen des Frauenvereins meines Heimatortes war wahrscheinlich gar nicht das Pilgern, Beten und Kerzenanzünden gewesen, sondern das gemeinsame Erzählen bei leckerem Kaffee und köstlichem Kuchen im Pilgercafé.

Herzlichst Claudia Cremer

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Eine Antwort auf Eine autobiografische Geschichte

  1. Uwe sagt:

    Kann ich mir gut vorstellen, dass dir der Anblick des Vorplatzes unter die Haut gegangen ist. Ich hätte bestimmt noch Wochen lang Albträume gehabt! Mal wieder ein gelungener Beitrag.

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