The story of your life

Wenn ich Wörter wie „Biografie“, „Erinnerungen“ oder „Geschichte meines Lebens“ irgendwo entdecke oder höre, bin ich sofort aufmerksam. Ich drehe das Radio lauter, klicke ohne zu überlegen den Artikel im Internet an und lese. Es ist wie ein Reflex, den wohl jede Biografin hat. Als ich letztens aber den Slogan von Facebooks großer Neuerung sah, war meine Reaktionszeit rekordverdächtig. Timeline. The story of your life. Diesen Artikel von Fabian Grabowsky auf der Tagesschau-Seite musste ich lesen.

Was ist Timeline? Timeline ist eine Idee von Mark Zuckerberg, dem Gründer von Facebook, der sich offensichtlich fest vorgenommen hat, die Benutzer seines Social Networks stärker an sich zu binden, indem er ihnen die Möglichkeit bietet, noch mehr persönliche Informationen auf ihrer Seite zu sammeln. In Timeline können die User „ihr gesamtes Leben präsentieren – wenn sie wollen, seit ihrer Geburt. Sie können ihren bisherigen Profilinhalten chronologisch übersichtlich Hochzeitfotos, Lebensweisheiten oder die Koordinaten eines Cafés hinzufügen, in dem sie vor Jahren ihren ersten Latte Macchiato getrunken haben“, schreibt Grabowsky in seinem Artikel.

Es geht Zuckerberg folglich nicht mehr ausschließlich um das derzeitige Befinden und Auffinden seiner Facebook-Benutzer, sondern sie sollen zusätzlich ihre Vergangenheit im Netz ausbreiten, quasi eine Art Lebensalbum erstellen. Sie können süße Babyfotos online setzen, ihren Mallorca-Urlaub dokumentieren, und alle können sehen, wer zum 30. Geburtstag eingeladen war. Im Klartext heißt das: Wir Facebookler werden dazu verführt, immer mehr über uns im Netz preiszugeben. Soll ich das nun gutfinden?

Als Facebook-Skeptikerin hat es mich immer schon beunruhigt, dass ich Häppchen für Häppchen mein derzeitiges Wirken im Internet präsentiere. Die biografische Sammelmaschine Timeline verschärft das Problem. Weiß ich wirklich, wer sich meine Babyfotos anschaut? Habe ich tatsächlich Kontrolle darüber, wo meine Lebensgeschichte landet?

Andererseits – als Biografin – MUSS ich Timeline gutheißen. Mark Zuckerberg macht schließlich Werbung für meine Sache, denn er sorgt dafür, dass sich der „Biografiegeist“ im Netz millionenfach verbreitet. Facebookler auf der ganzen Welt werden schon bald anfangen, ihre Fotos zu sortieren, werden Bildunterschriften entwerfen, kleine Anekdoten aus ihrem Leben schreiben und auf ihrer Seite veröffentlichen – alles erste kleine Schritte auf dem Weg zur eigenen Biografie.

Und ist der Benutzer erst einmal mit dem Biografievirus infiziert, will er mehr. Er will zu seinen schönen Fotos die dazugehörigen Geschichten erzählen. Er will sie aufschreiben oder aufschreiben lassen, und wer könnte ihm bei diesem wunderbaren Projekt besser zur Seite stehen als eine professionelle Biografin und Ghostwriterin? Nun, ich kenne da eine ganz kompetente in Köln ;-) !

Ihr seht, ich darf gar nichts gegen Timeline haben, denn die Neuerung könnte für mich durchaus geschäftsfördernd sein! Danke, Mark Zuckerberg! ;-)

Herzliche Grüße von Eurer heute nicht so ganz ernst zu nehmenden Bloggerin Claudia Cremer

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