Murder your darlings!

Es ist vollbracht! Tausende Wörter sind getippt, mehr als hundert Normseiten gefüllt, die letzte Zeile ist geschrieben. Punkt, Ende, Aus! Jetzt noch die Seiten ausdrucken, eintüten, an einen Verlag schicken. Fertig! — Ja, und dann sich gemütlich im Bürostuhl zurücklehnen und den Erfolg auskosten, denkt der unerfahrene Autor. Aber so funktioniert es nicht!

Wir spulen noch einmal zurück: Tausende Wörter sind getippt, mehr als hundert Normseiten gefüllt, die letzte Zeile ist geschrieben. Punkt, Ende, Aus … Nein! Stopp! Kein Ende, kein Abschicken des Manuskripts, kein Zurücklehnen. Die Arbeit ist noch lange nicht getan. Glaube mir, kein vernünftiger Schriftsteller würde die erste Fassung seines Werks einem Verlag zukommen lassen. Mindestens eine Überarbeitung ist notwendig.

Wenn du schreibst, verlierst du dich schnell im Fluss deiner Worte. Du merkst nicht, dass du diese oder jene Information schon fünfzig Seiten vorher gegeben hast, und bist manchmal so tief in die Handlung eingetaucht, dass dir Widersprüche entgehen. Das Manuskript muss daher immer auf inhaltliche Unstimmigkeiten kontrolliert werden, die dir allerdings nur auffallen, wenn du ein wenig Abstand zum Text hast. Du solltest ihn mindestens zwei Wochen ruhen lassen.

Druck dir dann die Seiten aus (nicht doppelseitig, das verwirrt nur) und setz dich mit diesem Packen an deinen Schreibtisch. Nimm einen Stift zur Hand und mache dir am Rand deines Manuskripts Notizen, und zwar immer dann, wenn du beim Lesen ins Stocken gerätst, wenn dir etwas komisch oder unklar erscheint. An diese Stellen kehrst du dann später zurück und änderst sie um.

Habe Mut zu streichen! Autoren schreiben in der ersten Fassung meist viel zu viel! Zu umständlich! Zu langatmig! Kürze Nebenaspekte, die deinen Leser nur ablenken würden, lösche ganze Passagen, wenn sie deine Geschichte nicht maßgeblich vorantreiben. Überflüssige Informationen töten die Spannung. Ich weiß, es ist nicht leicht, sich von seinen genialen Ideen oder den wohlformulierten Beschreibungen zu trennen, aber es muss sein. „Toss it even if you love it!“, rät Stephen King und Sir Arthur Quiller-Couch prägte den schönen Satz: „Murder your darlings!

Nach der ersten Überarbeitung kannst du dein Manuskript einem oder vielleicht noch zwei oder drei weiteren Menschen geben, denen du vertraust und die gute und begeisterte Leser sind. Sie werden dir sagen, was ihnen unklar ist, an welcher Stelle sie den Faden verloren haben und ab wann sie sich gelangweilt haben. Hör dir ihre Kommentare an und überlege, ob dir ihre Einwände einleuchten. Entscheide dann, ob du deinen Text ändern willst.

Mancher Schriftsteller macht nach der zweiten Überarbeitung noch eine letzte Feinkorrektur des Textes, aber das sei dir selbst überlassen.

Irgendwann ist dann tatsächlich Ende, Aus, Schluss! Du kannst die Seiten ausdrucken, eintüten, an einen Verlag schicken und dich endlich zufrieden in deinem Bürostuhl zurücklehnen und den kommenden Erfolg genießen. Damit aber erst gar keine Langeweile aufkommt, kannst du gleich mit deinem neuen Werk beginnen. ;-)

Herzlichst deine Claudia Cremer

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