Fakten und Fiktion

Ich bewundere Philip Kerr, denn er kennt sich aus. Mal führt der Autor seinen Detektiv Bernie Gunther in das Berlin der 30iger Jahre, mal lässt er ihn das zerstörte Wien der Nachkriegszeit durchstreifen. Kerr kennt die Orte und ihre Besonderheiten, weiß, wo sich die Zentrale der Gestapo befand, in welchen Gebäuden sich die Alliierten aufhielten, wo der Schwarzmarkt blühte und in welchen Kaschemmen die Schieber ihre illegalen Geschäfte tätigten. Er kennt auch alte Automarken, die Kaliber von Pistolen und kann die Abendgarderobe einer Dame beim Opernbesuch im Jahre 1936 ebenso anschaulich beschreiben wie die Arbeitskleidung einer Prostituierten in Berlins dunkelsten Gassen. Ich frage mich: Woher hat der Mann nur all diese Informationen?

Kerr tut wohl das, was alle Autoren tun. Er verbringt unzählige Stunden in den Lesesälen der Bibliotheken, durchblättert alte Bildbände, studiert Straßenkarten, entziffert Dokumente aus Archiven, stöbert im Internet und befragt Fachleute. Kurzum, er recherchiert. Das muss er auch, denn trotz der dichterischen Freiheit darf ein Autor die Fakten nicht verdrehen. Das würde den Erzähler seiner Geschichte unglaubwürdig machen, und das wiederum würden ihm die Leser sehr übelnehmen.

Recherche gehört auch zu meiner Arbeit als Biografin, denn gerade in Zeitzeugnissen müssen die Fakten stimmen. Die Erinnerungen meiner Kunden können jedoch bisweilen trügerisch sein. Manche Erlebnisse, die sie mir beschreiben, fanden vor 60/70 Jahren statt, und da kann es schon einmal passieren, dass ein Ereignis unter einem falschen Datum abgespeichert wurde oder zwei Ereignisse, die nicht miteinander verknüpft waren, plötzlich zusammengewürfelt werden. Ich habe schnell gelernt, misstrauisch zu sein. Sobald ich eine Zeit- oder Ortsangabe finde, sobald eine Wegstrecke beschrieben oder Kilometerangaben gemacht werden, prüfe ich das nach. Nur zur Sicherheit!

Das Internet ist bei meinen Recherchen eine unerschöpfliche Informationsquelle. Meine ersten Anlaufstellen sind Wikipedia und Google Maps, aber es gibt viele ausgezeichnete Websites zu speziellen Aspekten. Oft bestelle ich mir Fachbücher (schon aus eigenem Interesse) und lese mich in ein Thema ein. Wenn ich zu einem Ereignis jedoch gar nichts Konkretes finden kann, wende ich mich an die Zentral- und Landesbibliothek Berlin mit ihrem „QuestionPoint“. Die Mitarbeiter sind kompetent und haben mir schon einige Male geholfen. Ein toller Service!

Doch es gibt auch Fragen, die heute einfach nicht mehr zu klären sind. Dann entscheide ich mit meiner Kundin, ob wir die Information vielleicht besser weglassen (wenn sie unwesentlich ist), oder wir liefern die Info, bringen aber die Unsicherheit bezüglich deren Genauigkeit zum Ausdruck. Damit sind wir aus dem Schneider.

Und ansonsten, wenn es um das Nicht-Faktische geht? Nun, ein bisschen dichterische Freiheit ist auch in Biografien erlaubt! ;-) Eure Claudia Cremer

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2 Antworten auf Fakten und Fiktion

  1. Uwe sagt:

    Da kann man nur hoffen, dass Deinen Kunden auch klar ist, wie viel Arbeit in der Recherche steckt und dass das nicht umsonst geschehen kann!

    • ccremer sagt:

      Wenn ich immer alles haarklein berechnen würde, was ich tue, wäre eine Privatbiografie für viele meiner Kunden nicht mehr bezahlbar. Aber einen Teil meiner Recherchearbeit stelle ich natürlich in Rechnung, und der ist für meine Kunden auch nachvollziehbar.

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