Das Leben der Autoren

Kennst du das auch? Du hast einen Roman gelesen, bist völlig begeistert und ertappst dich bei dem Gedanken: „Hey, wer ist das eigentlich, der sich da diese geniale Geschichte ausgedacht hat?” Du klappst also dein Laptop auf, googlest den Namen des Autors, findest seine Website und wirst natürlich … maßlos enttäuscht.

Der Mann, der dir auf dem Foto entgegenstarrt, sieht nämlich gar nicht nach Supertyp aus. Eher Marke „unbedeutend“, „langweilig“ und „uncool“. Du klickst noch hoffnungsvoll auf „Biografie“ oder „Privates“, aber auch dort erwartet dich nur herbe Enttäuschung. Mit 99-prozentiger Sicherheit wird dir ein Lebenslauf präsentiert, der ähnlich spannend ist wie der eines Informatikers, der sich um eine Stelle als Systemadministrator bewirbt. Bei Autoren lauten die Stationen nur etwas anders: Studium (oder auch keins), ungeliebter Job (bei Publikation des ersten Romans aufgegeben), erworbene Literaturpreise, „Creative writing“-Kurse an der Uni, Ehefrau und Kinder, das Häuschen auf dem Lande, gerne auch im Ausland, mit Biogarten oder kleiner Olivenplantage. Und zum Schluss kommt der Copy and paste-Satz für jeden erfolgreichen Autor: „Seine Werke wurden in zahlreichen Sprachen übersetzt.” Ehrlich, wen interessiert’s!

Ich frage mich jedes Mal: Was habe ich eigentlich erwartet? Einen Superstar? Germany’s next topmodel? Einen Außerirdischen? Dabei hätte ich doch wissen müssen, dass Schriftsteller notorische Stubenhocker sind und keine Actiontypen. Disziplinierte Arbeiter und nur selten exzentrische Lebemänner. Sie lieben ihre Privatsphäre, meiden gerne das Rampenlicht und verzichten auf den biografischen Striptease auf ihrer Website, denn die Leute sollen schließlich ihre Bücher lesen und keinen lästigen Personenkult veranstalten. Der hält einen Autor eh nur vom Schreiben ab.

Und ich frage mich noch eins: Was habe ich als Leser überhaupt davon, wenn ich weiß, dass Henning Mankell mehr als die Hälfte des Jahres in Maputo lebt? Was bringt mir die Info, dass Andreas Eschbach mit seiner Frau in der Bretagne wohnt? Oder dass Stephenie Meyer den Plot ihres ersten Romans „during the day through swim lessons and potty training“ erfunden hat? Nichts. Aber wirklich gar nichts.

Fazit: Autoren haben selten spannende Biografien. Lest lieber ihre Romane!

Herzlichst Claudia Cremer

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