Auftragsschreiber im Wild West

Seitdem ich Biografin bin, schaue ich mir die Welt mit anderen Augen an. Das fiel mir erst neulich wieder auf, als ich mir den mit vier Oscars ausgezeichneten Film „Erbarmungslos“ von Clint Eastwood ansah. Früher hätte ich den fünf Revolverhelden meine ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt, heute gilt sie dem Mann, der ihnen ständig an den Versen klebt und in ihrer Welt dennoch merkwürdig deplatziert wirkt …

… dem Biografen.

Ja, im Wild West gab es sie auch schon, die Auftragsschreiber und Verfasser von Lebensgeschichten. Ihre Promis waren die Gunslinger, deren legendären Raubüberfälle, Schießereien und Showdowns besten Stoff für Groschen-Literatur lieferten.

Natürlich könnt ihr nun einwenden, aktive Gunslinger hatten wohl Wichtigeres zu tun, als sich kontemplativ mit ihrem Leben auseinanderzusetzen, aber in „Erbarmungslos“ sind die fünf Helden ja bereits in die Jahre gekommen und zwei davon befinden sich zu Beginn des Films schon im Ruhestand. Da kann man doch wohl mal seine Lebensgeschichte aufschreiben lassen.

Den Biografen W. W. Beauchamp beneide ich allerdings nicht um seine berühmten Kunden. Er muss sich die Selbstbeweihräucherungen des dauermonologisierenden Englisch Bob anhören, gerät in Schießereien, kommt ins Gefängnis, wird dort von Sheriff Daggett gnadenlos zugetextet und muss beim Showdown im Saloon um sein Leben fürchten und mitansehen, wie Bill Munny gleich mehrere Menschen kaltblütig hinrichtet. Zugegeben, alles bester Stoff für Geschichten, die einen Verleger finden werden, aber vielleicht doch ein bisschen sehr hart erarbeitet. Ich jedenfalls hätte keine Lust, mir im Kugelhagel mit zitternden Händen Notizen zu machen.

Beauchamp schon und trotzdem ist er kein Held, sondern ein eher beschämendes Exemplar meiner Berufsgattung. Auf der Jagd nach spannenden Geschichten kennt er keine Skrupel. Sobald er bei einem anderen die bessere Story wittert, wechselt er die Seite. Hält man ihm eine Pistole vors Gesicht, macht er sich in die Hose; kurze Zeit später interviewt er dann den Waffenbesitzer.

Nun ja … Zum Glück sind nicht alle Biografen so. Herzlichst Eure Claudia Cremer

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