Wovon man keine Ahnung hat …

Es gibt Bücher, die mich als Biografin aufregen. Leider gehört dazu auch der neueste Roman „Life After Life“ von Kate Atkinson, der eins wieder mal beweist: Autoren, die keine Zeitzeugen des Naziregimes sind und den Zweiten Weltkrieg nicht erlebt haben, sollten von dem Thema einfach die Finger lassen.

Warum Atkinson, eine gestandene britische Autorin, einen Teil ihrer Geschichte in den Jahren 1939/40 spielen lässt und ihre Hauptfigur Ursula zeitweise auch noch nach Nazideutschland schickt, kann ich nicht nachvollziehen. An einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Zeit und Land war ihr offensichtlich nicht gelegen, denn in jeder Zeile wird peinlich deutlich, dass Atkinson lediglich über angelesenes Wissen verfügt und Deutschland nur in seiner Klischeehaftigkeit (Streuselkuchen und Schunkeln) kennt.

Ja, es gibt so vieles, was verwundert. Atkinsons Beschreibung von Ursulas Aufenthalt auf Hitlers Berghof liest sich, als wäre sie aus Albert Speers „Erinnerungen“ abgeschrieben. Eine Parade der Nazis führt zu der platten Bemerkung: „It was all so very masculine“ und zu Hitler fällt ihr nicht mehr ein als: „how ordinary (even silly) he was, more Mickey Mouse than Siegfried“. Ursulas deutschen Ehemann – blond, blauäugig und auch sonst konturlos – lässt Atkinson schnell und ganz unspektakulär im Krieg sterben; der schwerkranken Tochter verabreicht die Heldin melodramatisch eine Giftkapsel, was ungut an den Tod der Goebbels Kinder erinnert. Kritische Auseinandersetzung? Fehlanzeige!

Etwas authentischer erscheint Atkinsons Darstellung vom Blitz 1940 auf London: Bombenangriffe der deutschen Luftwaffe, Leben der Zivilbevölkerung in Trümmern, Leid und Horror. Als Warden ist Ursula mittendrin. Allerdings verhindert auch hier die Konzeption des Romans (die Hauptfigur erlebt bestimmte Ereignisse immer wieder) eine vernünftige Beschäftigung mit der Weltgeschichte. Ursula wird gleich mehrmals Opfer von ein und demselben Bombenangriff immer slightly different, sodass der Leser nicht anders kann, als zu vergleichen: Was ist anders, was ist neu? Wie war das mit dem verlassenen Hund in Version 2? Mit dem pinkfarbenen Kleid in Version 3? Das mag ja literarisch bemerkenswert sein, aber weder die ermüdende Wiederholung noch das gekünstelte Memoryspiel werden den grausamen historischen Begebenheiten gerecht.

Autoren wie Borchert, Böll, Levi, Kertesz, Ledig, Klüger – allesamt Zeitzeugen – wäre nie im Leben eingefallen, die Gräuel des Naziregimes und des Krieges dermaßen literarisch verdreht darzustellen. Die stilistischen Kniffe führen doch nur dazu, dass das Zeitgeschehen zur Kulisse wird und die Ereignisse verharmlost. Das kann nicht im Sinne des Erfinders sein.

Zum Glück aber sind die meisten Autoren sensibel genug, mit der grausamen Vergangenheit keine literarischen Kapriolen zu machen, und zum Glück ist Günter Grass auch nicht der absurden Idee verfallen, in seinem Roman „Im Krebsgang“ die Gustloff gleich mehrmals zu versenken.

Herzlichst Eure Claudia Cremer

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