Bitte nicht weichspülen!

„Was machen Sie, wenn Kunden unangenehme Dinge unter den Tisch fallen lassen wollen; beispielsweise wenn der Vater ein Nazi war?“

… fragte mich die junge Journalistin der Zeitschrift Köln hoch elf. Meine Antwort: „Ich ermutige sie, es dennoch zu erzählen. Lebensgeschichten sollten nicht geschönt werden, sondern ein authentisches Bild eines Menschen und seiner Umgebung liefern.“ Und das meine ich so!

Was bringen uns weichgespülte Biografien? In denen die Mütter immer liebevoll sind, die Väter Familienmenschen (keine Nazis!), die Kinder folgsam und ordentlich, die Großeltern bescheiden und arbeitsam. Was bringt uns eine Welt, in der die Menschen keine Ecken und Kanten haben, in der alle nur rechtschaffen sind, es nur Erfolgsstorys gibt, Gewinner und Helden? Nichts! Wirklich gar nichts! Denn eine solche Welt ist unglaubwürdig, solche Menschen sind nicht echt. Da klappen wir nach der ersten Seite schon den Deckel zu und gähnen!

Anders die Autobiografie von Andreas Altmann. Bereits der Titel „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ ist Programm. Nichts wird beschönigt, nichts verschwiegen, niemand kommt ungeschoren davon. Nicht der prügelnde SS-Vater und die bigotte Mutter, nicht der tätliche Pfarrer noch die kleingeistigen Lehrer. Auch nicht der Wallfahrts-Tatort Altötting und auch nicht Andreas Altmann selbst. Denn der Autor hat sich ganz dem Prinzip der Schonungslosigkeit verschrieben.

Trotzdem ist das “Scheißleben” kein gemeiner Rachefeldzug, sondern ein eindringliches Plädoyer für Freiheit. Ein Aufruf zur Selbstbehauptung. „Ein Mahnmal (…) gegen Lieblosigkeit. Ein gutes Buch übers Schlechte. Und darüber, wie einer gerade noch davonkam.“ (Deutschlandradio Kultur, 22.08.2011)

Absolut lesenswert! Eure Claudia Cremer

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